Ziervögel und ihre Bedürfnisse 

  

Mehr als vier Millionen Ziervögel werden in Deutschland als Heimtiere gehalten - leider häufig fernab ihrer biologischen Bedürfnisse. Ob Zierfink, Kanarienvogel, Wellensittich oder Papagei, ein Grundbedürfnis haben sie alle: das Zusammenleben mit einem Sozialpartner. Viele ihrer Verhaltensweisen dienen der Kontaktpflege untereinander und werden im natürlichen Lebensraum innerhalb eines Familienverbandes oder Schwarmes, bei Papageien auch zwischen den gegengeschlechtlichen Lebenspartnern gepflegt. Dazu gehört der Balzgesang des Kanarienvogels ebenso wie das werbende Füttern des Wellensittichs oder die Imitationskünste des Graupapageis. 


Unliebsame Folgen der Einzelhaltung

  

Nach wie vor werden viele Stubenvögel einzeln gehalten und müssen auf einen artentsprechenden Sozialpartner verzichten. Der Mensch wird zum Ersatzpartner und zieht aus dieser Rolle vermeintliche Vorteile. Der einzeln gehaltene Kanarienvogel singt öfter, der Sittich wird leichter fingerzahm, der Papagei anhänglicher und unterhaltsamer. Tierärzte wissen, wie schnell sich diese Haltungsform ins Gegenteil verkehren kann, denn so mancher Vogel gibt sich mit dem Ersatzpartner Mensch nicht zufrieden. Die einsamen Tiere werden seelisch und physisch krank. Besonders drastisch zeigt sich dies bei Sittichen und Papageien, die in ihrer Not aus dem Bedürfnis nach gegenseitiger Gefiederpflege einen Akt der Selbstzerstörung machen. Meist nach Erreichen der Geschlechtsreife (bei Papageien im Alter von drei bis acht Jahren) beginnen die Tiere ihr Gefieder zu benagen, sich zum Teil nackt zu rupfen oder sich tiefe, blutende Wunden zuzufügen. Nur das intakte Kopfgefieder zeugt dann noch von der einstigen Pracht. Dem Verlust der wärmenden Federisolierung folgen nicht selten hartnäckige Atemwegsinfektionen. Auch die Fettsucht vieler Stubenvögel ist häufig eine Folge von Vereinsamung. Die Isolationshaltung, meist gepaart mit einem Mangel an Bewegungsfreiraum, optischen und akustischen Reizen lässt die Futteraufnahme zur einzigen Beschäftigungsmöglichkeit werden. Wer könnte es den Tieren verdenken, dass sie unter solchen Haltungsbedingungen mehr Futter aufnehmen, als ihrer Konstitution zuträglich ist? Sie werden träge, bald auch flugunfähig und haben eine verkürzte Lebenserwartung. Mit Spiegel und Plastikspielzeug soll dem einzeln gehaltenen Wellensittich die Langeweile vertrieben werden. Das emsige Treiben mit diesen Gegenständen ist oft nicht mehr als aggressives Balzverhalten und gerät für den männlichen Wellensittich zum Dauerstress. Unermüdlich erbricht er Futterkörner vor diesen Utensilien, das werbende Füttern wird zur Manie.

  


Diagnose Haltungspsychose

Natürlich muss der Tierarzt für alle diese Symptome auch organische Erkrankungen in Betracht ziehen und durch sorgfältige Untersuchung ausschließen. In vielen Fällen jedoch bewahrheitet sich die Verdachtsdiagnose einer Haltungspsychose. Bei solchen Patienten müssen zusätzlich zur medizinischen Versorgung die Haltungsbedingungen nachhaltig verbessert werden. Neben der optimalen Ernährung gehört dazu ein ausreichend großer Käfig, in dem zumindest eine Flugbewegung möglich ist. Der Standort muss lärm- und zugfrei sein, aber Familienanschluss bieten. Kletter-, Nage- und Spieltrieb können durch Obstbaumzweige und ein wechselndes Angebot an sinnvollem Spielzeug gefördert werden.


  


  Schnabelräude beim Wellensittich

 

Das Krankheitsbild der Schnabelräude ist unverwechselbar. Borkige, mit winzigen Löchern durchsetzte Beläge am Schnabelwinkel, um die Augen oder die Nasenöffnungen lassen keinen Zweifel: hier sind Grabmilben am Werk, die sich durch die Hornschichten der Vogelhaut bohren und sich von dem dabei anfallenden Zellmaterial ernähren.

Bereits im Nest werden die Parasiten auf die Jungvögel übertragen. Bis zu 1 1/2 Jahren kann es jedoch dauern, bis die ersten Symptome sichtbar werden. Viele Wellensittiche sind latent infiziert. Das bedeutet, dass sie durch den Milbenbefall nicht merklich erkranken, solange ihre Abwehrkraft nicht durch andere Erkrankungen oder Fehlernährung geschwächt wird. Ist die Schnabelräude erst einmal ausgebrochen, kann sie sich mit der Zeit auch auf die federlose Beinhaut und die Gegend um die Kloake ausdehnen.

Die erste Behandlung muss der Tierarzt vornehmen. Mit speziellen Lösungen weicht er die Borken auf und löst sie vorsichtig ab. Die Krusten enthalten Milben und Eier und müssen sorgfältig vernichtet werden. Anschließend werden die betroffenen Stellen vom Tierbesitzer weiterbehandelt, indem er sie täglich mit einer milbenabtötenden Flüssigkeit betupft. Scheue Vögel, die nicht täglich gefangen werden können, erhalten ein Präparat, das in größeren Zeitabständen auf den Nacken aufgetropft wird. Es verteilt sich dann in der Haut und lässt die noch vorhandenen Milben nach und nach absterben.